Selbsterleben von Betroffenen in der frühen Krankheitsphase Teil 3

Die Bewältigungsbemühungen,

von denen Demenzkranke berichten, können – vor dem Hintergrund des gesamten Interviewkontextes – in drei Untergruppen aufgegliedert werden.

Das von einigen Demenzkranken geäußerte Bedürfnis, nicht mehr unter Leute zu gehen und die eigenen Veränderungen vor anderen Menschen zu verheimlichen, erfüllt häufig die Aufgabe, negativen Gefühlen aus dem Weg gehen zu wollen. Auch die Tendenz verstärkt Bezug auf die Vergangenheit zu nehmen, als einer Zeit, in der die heutigen Schwierigkeiten noch nicht existierten, die Betonung der eigenen Autonomie, das Verleugnen oder Herunterspielen von Schwierigkeiten bzw. das Bedürfnis, eigene Kompetenzen in den Vordergrund zu stellen, haben meist eine emotionsregulierende Funktion.

Problemorientierte Funktion haben Bewältigungen, durch die der Betroffenen versucht, gegen die Krankheit anzukämpfen. So berichtet eine Interviewpartnerin, dass sie immer wieder versuche ein einfaches Gericht zu kochen, obwohl es ihr jedes Mal aufs Neue nicht gelingt.  Und wenn ihr Mann sie davon abhalten möchte es erneut zu probieren, wird sie ärgerlich: „Dann sagt er immer: ‚Lass das gehen, das mache liebe ich, das ist nicht gut für dich‘. Und den Spruch mag ich überhaupt nicht! Dann werde ich schon sauer und sag‘: ‚ Lass es mich halt wenigstens einmal probieren! Das Päckchen Grieß kostet so und so viel, da werde ich doch wohl mal probieren können!‘ Da hat er nichts mehr gesagt und ich habe halt wieder probiert,“ (Zitat aus Engel, S. 2008)

Meeresgewalt
Beängstigende Wellen

Subjektive Krankheitstheorien erfüllen meist die Funktion eine bedrohliche Situation um zu bewerten.

Hierunter sind die Überzeugungen des Betroffenen bezüglich der Ursache seiner Beeinträchtigungen zu verstehen.

Viele demenzkranke Menschen wenden weder den Begriff „Demenz“ noch Die Bezeichnung „Alzheimer“ auf ihre erlebten Einbußen an, obwohl sie von ihrer Erkrankung wissen. So sagt eine demenzkranke Interviewpartnerin auf die Frage nach der Ursache ihrer Vergesslichkeit: „ Ich hoffe ja immer noch, dass ich das nicht habe.“ Auf die Frage, ob sie mit „das“ „Demenz“ meine, entgegnet sie: „ Also, das Wort spreche ich noch nicht einmal aus!“ Auf die weitere Frage, ob sie ich glaube, dass ihre Vergesslichkeit von eine Krankheit herrühre, wendet sie ein: “Doch, ich glaube es schon – ich will es nur nicht wahrhaben.“ (Zitat aus Engel, S. 2008). Andere Befragte erklären sich die erlebten Störungen mit mangelnder Übung, fortgeschrittenem Alter oder führen sie auf Erkrankungen und Ereignisse zurück, die weniger stigmatisierend sind wie z.B. frühere Krebserkrankungen, Schlaganfälle oder Unfälle.

 

Quellen und Literaturverzeichnis:

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