Selbsterleben von Betroffenen in der frühen Krankheitsphase Teil 1

zarte Rose
Betrachtung

Dieses Thema beschäftigt mich schon lange Zeit. Während meiner langjährigen Tätigkeit mit Menschen mit Demenz machte ich wiederholt die Erfahrung, dass sich Menschen mit Demenz bei wertschätzendem Umgang mit ihnen, oftmals anders äußerten oder verhielten. Dies führte mich zur Annahme, dass Menschen mit Demenz mehr von ihrem veränderten Zustand mitbekommen, wie dies bekannt ist und geglaubt wird.

Auf der Suche nach entsprechender evidenzbasierender Literatur stieß ich auf eine Niederschrift eines Referates von Frau Prof. Dr. Engel Sabine vom 5. Kongress der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Selbsthilfe Demenz im Oktober 2008.

“Selbsterleben von Betroffenen in der frühen Krankheitsphase und ihre emotionalen Reaktionen auf dieses Erleben”

Laut Prof. Dr. Sabine Engel besteht der Mangel in der Forschungsliteratur daher, dass die weit verbreitete Hypothese, dass Demenzkranke unter Anosognosie leiden.  Anosognosie bedeutet, dass sie keine unbeeinträchtigte Krankheitseinsicht hätten und daher keine verlässliche Datenquelle für wissenschaftliche Untersuchungen darstellen. Je nach wissenschaftlicher Studie werden zwischen 20% und 80% aller Demenzkranken als anosognostisch eingestuft (Kessler., Supprian, T.2003).

Prof. Dr. Sabine Engel hält aus ihren Erfahrungen diesen Behauptungen folgende Argumente entgegen:

Die Krankheitseinsicht ist keine Alles-oder-Nichts-Größe. Sie kann fluktuierend vorhanden sein – heute stark und morgen weniger.

Die Krankheitseinsicht hängt stark vom Kontext ab, das heißt, auch von Personen, die als Kommunikationspartner dem Demenzkranken gegenübertreten.

Die Krankheitseinsicht hat unterschiedliche Dimensionen, die unterschiedlich stark betroffen sein können. Betreuende Angehörige berichten, dass Demenzkranke zwar unter Umständen keine tiefgreifende intellektuelle Einsicht in ihre Demenzerkrankung haben, dennoch an sich wahrnehmen, „dass etwas nicht stimmt“ und auf diese erlebten Veränderungen emotional reagieren (Engel S. 2007)

 

Quellen und Literaturverzeichnis:

Engel S. (2006) Alzheimer und Demenz – Unterstützung für Angehörige. Stuttgart: TRIAS

Engel S. (2007) Belastungserleben bei Angehörigen Demenzkranker aufgrund von Kommunikationsstörungen. Berlin: LIT

Engel S. (2008) (in Vorbereitung) Kontrollstrategien bei demenzkranken Menschen in einer frühen Krankheitsphase. Unverstress; öffentlichte Interviewstudie am Gedächtnis-Zentrum Erlangen

Harris PB; Sterin GJ.: Insider’s Perspective: defining and Perserving the Self of Dementia. Jornal of Menthal health and Aging 1999; 5(3): 241 – 256

Kessler H, Supprian T.: Zum Problem der Krankheitseinsicht bei Patienten mit Demenz vom Alzheimer-Typ. Fortschr Neurol Psychiat 2003; 71: 541-548.

Lazarus RS, Folkmann S.: Stres, Appaisal, and Coping. New York 1984

Stechl E, Lämmler G; Steinhagen-Thiessen R; Flick U.: Subjektive Wahrnehmung und Bewältigung der Demenz im Frühstadium – SUWADEM. Z Gerontol Geriat 2007; 40: 71 – 80

Moos RH.: Coping: Konzepte und Meßverfahren. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 1988; 34: 207 – 225

Steman E, de Casterle‘ DB, Goderis J, Grypdonck M.: Living with early-stage dementia: a review of qualitative studies. Journal of Advenced Nursing 2006; 54: 722 – 738